Nach Jahren mit Verlusten hat die Migros Zürich im März 2026 den Rückzug aus Deutschland beschlossen und verkauft ihre Supermarktkette Tegut. Die rund 300 Filialen, die meisten davon in Hessen, Thüringen und Bayern, werden nun auf mehrere Käufer aufgeteilt. Das Bundeskartellamt gab Ende September die Übernahme von 178 Märkten durch Edeka frei, im Oktober 38 Märkte für Rewe und bereits im Juni 36 Märkte für Tante Enso. Die meisten Filialen wechseln Ende Oktober das Logo.
Accurat hat die Besuche bei den wichtigsten Lebensmittelhändlern im Umkreis von 15 Autominuten um 298 Tegut-Filialen von Januar bis Oktober 2026 analysiert. Jede Filiale wurde auf Basis der Übersicht von Tegut selbst ihrem neuen Eigentümer zugeordnet: Edeka, Netto Marken-Discount, Rewe, Penny oder Tante Enso. Filialen, die schließen oder noch nicht gelistet sind, bilden eine eigene Gruppe ohne (bisherigen) Käufer.
Die Daten zeigen: Die Edeka-Gruppe erbt zwei Drittel der Tegut-Besuche, vor allem aus Filialen in Städten. Gleichzeitig kaufen die meisten Tegut-Kunden schon heute bei Edeka und Rewe ein. Ein großer Teil dieser Besuche kommt also nicht zusätzlich hinzu.
Wohin die 298 Filialen gehen
Von den 298 untersuchten Tegut-Filialen gehen 101 an Edeka und 57 an Netto Marken-Discount. Rewe übernimmt 36 Märkte, Penny 2, und 32 gehen an Tante Enso. Für die übrigen 70 Filialen gibt es (noch) keinen Käufer.
Diese Zahlen decken sich nicht vollständig mit den offiziellen Angaben, da Tegut noch nicht alle Übergaben veröffentlicht hat. Das Bundeskartellamt hat der Edeka-Gruppe 178 Märkte freigegeben, auf der Tegut-Übersicht stehen bislang aber nur 158. Bei Tante Enso sind 32 der 36 freigegebenen Märkte gelistet. Rewe und Penny entsprechen mit zusammen 38 Märkten genau der Freigabe. Die Gruppe ohne Käufer ist größer als die 36 unverkauften Filialen, die Migros nennt, weil sie auch die schließenden und die gar nicht gelisteten Märkte umfasst. Der Anteil der Edeka-Gruppe in dieser Analyse ist daher eher eine Untergrenze.
Tegut-Filialen mit Einzugsgebiet von 15 Autominuten sowie Zahl der Filialen je neuem Eigentümer im Vergleich zu den offiziellen Freigaben
Edeka-Gruppe erbt zwei Drittel der Tegut-Besuche
Im Umkreis von 15 Autominuten um seine Filialen kommt Tegut 2026 auf 3,6 Prozent aller Besuche im Lebensmittelhandel. Rewe (26,1 Prozent) und Edeka (20,0 Prozent) sind mit Abstand die größten Anbieter im Tegut-Einzugsgebiet, gefolgt von Aldi Süd und Lidl.
Aufgeteilt nach neuen Eigentümern wird das Bild deutlich. Die Märkte, die an Edeka gehen, stehen für 1,8 Prozent der Besuche, die künftigen Netto-Märkte für 0,6 Prozent. Zusammen übernimmt die Edeka-Gruppe damit 2,4 Prozentpunkte, also zwei Drittel der Tegut-Besuche. Rewe erbt 0,5 Prozent, Tante Enso 0,2 Prozent und die beiden Penny-Märkte weniger als 0,1 Prozent. Die restlichen 0,6 Prozent entfallen auf Filialen ohne (bisherigen) Käufer.
Diese letzte Gruppe umfasst Märkte, die Tegut endgültig schließt, und Filialen, die in der Übersicht gar nicht auftauchen. Zu ihnen zählen auch Standorte, deren Übernahme das Bundeskartellamt Edeka vorerst untersagt hat.
Besuchsanteil im Umkreis von 15 Autominuten um Tegut-Filialen, Januar bis Oktober 2026, Tegut gesamt und aufgeteilt nach neuen Eigentümern
Edeka-Gruppe: die Hälfte der Filialen, zwei Drittel der Besuche
Die reine Filialzahl unterschätzt, was die Edeka-Gruppe tatsächlich übernimmt. Edeka und Netto Marken-Discount erhalten zusammen 53 Prozent der Tegut-Filialen in der Analyse, auf diese entfallen aber 65 Prozent der Tegut-Besuche. Edeka allein übernimmt 34 Prozent der Filialen und 49 Prozent der Besuche. Laut Tegut-Übersicht liegen viele dieser Märkte in Städten wie Frankfurt, München und Stuttgart sowie im Rhein-Main-Gebiet.
Bei Tante Enso zeigt sich das umgekehrte Bild. Ihre Märkte machen 11 Prozent des Tegut-Netzes aus, aber nur 5 Prozent der Besuche. Fast alle liegen in kleinen Orten und Dörfern. Das deckt sich mit den Zahlen, die bei der Freigabe genannt wurden: Die 36 Filialen erwirtschafteten rund 5 Prozent des Tegut-Umsatzes.
Rewe erhält etwas mehr Besuche, als sein Anteil an den Filialen erwarten lässt, Netto Marken-Discount etwas weniger. Auch die Filialen ohne (bisherigen) Käufer ziehen pro Markt weniger Besuche an, was zu einer Gruppe passt, in der die schließenden Märkte enthalten sind.
Anteil an den 298 Tegut-Filialen gegenüber Anteil an den Tegut-Besuchen je neuem Eigentümer, Januar bis Oktober 2026
Der Ausverkauf brachte Tegut nur ein kurzes Plus
Am 15. Oktober startete Tegut in den 133 Filialen, die an Edeka und Netto gehen, einen Abschiedsverkauf mit 50 Prozent Rabatt auf fast das gesamte Sortiment. Die Aktion wurde später bis zum 25. Oktober verlängert.
Die Wirkung setzte sofort ein. In der Woche vom 12. bis 18. Oktober stieg der Besuchsanteil von Tegut auf 4,4 Prozent, 0,8 Prozentpunkte über dem Jahresdurchschnitt. Eine Woche später lag er wieder bei 3,7 Prozent, obwohl der Ausverkauf noch lief. Kunden berichteten von langen Schlangen und zunehmend leeren Regalen, einige Märkte mussten den Einlass begrenzen.
Diese Zahlen beziehen sich auf alle Tegut-Filialen, der Ausverkauf lief aber in weniger als der Hälfte davon. Gemessen nur an den 133 Aktionsmärkten dürfte der Anstieg deutlich höher ausgefallen sein.
Wöchentlicher Besuchsanteil von Tegut im Umkreis von 15 Autominuten um seine Filialen, 28. September bis 25. Oktober 2026
Der Ausverkauf zog vor allem Kunden von Discountern an
Um zu sehen, woher die zusätzlichen Besuche kamen, hat Accurat die Woche vor dem Ausverkauf (5. bis 11. Oktober) mit der ersten Aktionswoche (12. bis 18. Oktober) verglichen.
Lidl war mit 27 Prozent der zusätzlichen Tegut-Besuche die größte einzelne Quelle. Zusammen lieferten die Discounter Lidl, Penny, Aldi Süd, Netto Marken-Discount und Aldi Nord 57 Prozent. Auf die Supermärkte Edeka und Rewe entfielen 30 Prozent, auf das SB-Warenhaus Kaufland 13 Prozent.
Für einen fairen Vergleich hat Accurat den Anteil jedes Händlers an den zusätzlichen Tegut-Besuchen ins Verhältnis zu seinem Besuchsanteil im bisherigen Jahresverlauf gesetzt (Index 100 = entsprechend seiner Größe). Penny (Index 308), Aldi Nord (229), Lidl (182) und Kaufland (180) verloren deutlich mehr Besuche, als ihre Größe erwarten ließe. Netto Marken-Discount (78), Edeka (75), Aldi Süd (56) und Rewe (51) verloren weniger. Als Gruppe kamen die Discounter auf einen Index von 131, die Supermärkte nur auf 61. Ein Rabatt von 50 Prozent auf fast alles sprach vor allem preisbewusste Kunden an.
Besuchsverlagerung zu Tegut, 5. bis 11. Oktober gegenüber 12. bis 18. Oktober 2026, mit Index gegenüber dem Besuchsanteil seit Jahresbeginn (100 = entsprechend der Größe)
Rechnerisch zieht die Edeka-Gruppe knapp an der Rewe Group vorbei
Was bedeuten die Übernahmen für das Kräfteverhältnis rund um die Tegut-Filialen? Accurat hat ein theoretisches Szenario berechnet, in dem jeder heutige Tegut-Besuch unter dem neuen Logo im selben Markt bleibt.
Heute kommt die Rewe Group (Rewe und Penny) im Tegut-Einzugsgebiet auf 29,0 Prozent der Besuche, vor der Edeka-Gruppe (Edeka und Netto) mit 27,3 Prozent. Mit den ehemaligen Tegut-Märkten stiege die Edeka-Gruppe auf 29,7 Prozent, die Rewe Group auf 29,5 Prozent. Rund um die Tegut-Standorte würde die Edeka-Gruppe damit knapp zur größten Lebensmittelgruppe.
Der Abstand beträgt nur 0,2 Prozentpunkte. Ob es dazu kommt, hängt davon ab, wie viele Besuche tatsächlich in den umgeflaggten Märkten bleiben.
Theoretischer Besuchsanteil im Umkreis von 15 Autominuten um Tegut-Filialen, heute und einschließlich der ehemaligen Tegut-Märkte, Januar bis Oktober 2026
Die meisten Tegut-Kunden kaufen bereits bei den neuen Eigentümern
Die Überschneidungsanalyse zeigt, welche Händler dieselben Kunden teilen. Hier starten die neuen Eigentümer aus einer starken Position. Im Monatsdurchschnitt seit Jahresbeginn besuchen 60 Prozent der Tegut-Kunden auch Rewe, 51 Prozent Edeka und 27 Prozent Netto Marken-Discount. Bei Penny sind es 16 Prozent. Dieses Muster ist von Monat zu Monat stabil.
Tante Enso ist die Ausnahme. Die Kette betreibt knapp 90 kleine Märkte, vor allem im ländlichen Raum in Nord- und Ostdeutschland, und hat heute nur wenige Standorte in der Nähe von Tegut. Auch das Bundeskartellamt stellte nur geringe Überschneidungen zwischen den bestehenden Tante-Enso-Märkten und den übernommenen Tegut-Filialen fest. Entsprechend besuchen heute nur 0,2 Prozent der Tegut-Kunden einen Tante-Enso-Markt. Für Tante Enso ist damit fast jeder Tegut-Kunde, der bleibt, ein Neukunde.
Für Rewe und Edeka wirkt die Überschneidung in beide Richtungen. Ein umgeflaggter Markt wird zu einer weiteren Filiale einer Marke, die die meisten dieser Kunden bereits nutzen. Ein Teil der Besuche wird sich schlicht von bestehenden Filialen des Eigentümers in der Nähe in den umgeflaggten Markt verlagern, oder umgekehrt, wenn Tegut-Kunden statt in den umgeflaggten Markt in die bestehende Filiale des Eigentümers wechseln. Die Besuche werden wachsen, aber nur teilweise zusätzlich: Eine gewisse Kannibalisierung benachbarter Filialen ist zu erwarten.
Kundenüberschneidung: Anteil der Kunden eines Händlers, die auch einen anderen Händler besuchen, Monatsdurchschnitt Januar bis Oktober 2026
Auf dem Papier ist die Edeka-Gruppe die große Gewinnerin der Tegut-Zerschlagung: Edeka und Netto bekommen die Filialen in den Städten und zwei Drittel der Besuche. Doch die meisten Tegut-Kunden kennen Edeka und Rewe bereits. Für sie ändert sich das Schild über der Tür, nicht unbedingt der Ort, an dem sie einkaufen. Die eigentliche Frage ist, wie viele Besuche in den umgeflaggten Märkten bleiben und wie viele abwandern.
Was das für den deutschen Lebensmittelhandel bedeutet
Drei Erkenntnisse stechen hervor:
- Die Filialzahl unterschätzt den Zugewinn der Edeka-Gruppe. Mit der Hälfte der Filialen übernehmen Edeka und Netto zusammen zwei Drittel der Tegut-Besuche. Rechnerisch reicht das, damit die Gruppe rund um die Tegut-Standorte knapp an der Rewe Group vorbeizieht.
- Der Preis bewegt Kunden weiterhin schnell. Der Ausverkauf mit 50 Prozent Rabatt ließ den Besuchsanteil von Tegut innerhalb weniger Tage steigen, vor allem zulasten der Discounter. Der Effekt verpuffte ebenso schnell, als die Regale leer waren.
- Ein Großteil des Erbes bleibt in der Familie. In einem durchschnittlichen Monat besuchen drei von fünf Tegut-Kunden auch Rewe und die Hälfte auch Edeka. Ein Teil der neu gewonnenen Besuche stammt aus den eigenen Filialen der neuen Eigentümer in der Nähe. Nur Tante Enso erreicht fast ausschließlich neue Kunden.
Die Analyse zeigt, wie sich eine große Filialübertragung messen lässt, bevor sie vollzogen ist. Verhaltensdaten zeigen nicht nur, wer die Filialen erbt, sondern auch, wie viel von diesem Erbe wirklich neu ist.